Künstler
Zum Programm
In diesem Programm führen Sie Anthony Sintow-Behrens und Louis Mühlbauer im gemeinsamen Gespräch durch den Abend und stellen zwei Jahrhundertwerke gegenüber: die große h-Moll-Sonate von Franz Liszt und die 8. Klaviersonate von Sergej Prokofjew. Eingeleitet werden diese beiden großen postbeethovenianischen Klaviersonaten von zwei kurzen Sonaten des italienischen spätbarocken Komponisten Domenico Scarlatti in den beiden Tonarten der jeweils nachfolgenden Großwerke, gespielt von Naoe Sasaki.
1849 nimmt Franz Liszt die Arbeit an seiner h-Moll-Sonate auf und blickt auf einen radikalen Lebenswandel zurück: 1848 beendet er als größter Pianist aller Zeiten seine Konzertlaufbahn und nimmt das Amt des Kapellmeisters in Weimar an. Während dieser Zeit, der produktivsten kompositorischen Schaffensperiode Liszts, vollendet er am 2. Februar 1853 seine als ‚Grande Sonate‘ betitelte h-Moll-Sonate, bei der es sich ohne Zweifel um das bedeutsamste Werk seines gesamten Oeuvres handelt. Diese einsätzige Sonate ist nicht nur Liszts einziger, bahnbrechender Beitrag zum Genre der Klaviersonate, sondern auch ein Jahrhundertwerk, mit dem er die klanglichen Grenzen des Klaviers ausreizt, größtmögliche dynamische Kontraste zeichnet und die Musik auf beschließendem H-Dur ins Sphärische entrückt.
Mit seiner h-Moll-Sonate gelingt Liszt, was seinen hochromantischen Komponistenkollegen Chopin, Schumann oder Brahms nicht gelungen war: das Erbe des Revolutionärs Beethoven in der Gattung der Klaviersonate fortzuführen, diese in ihrer Form hin zur Einsätzigkeit weiterzuentwickeln und damit der nächsten Komponistengeneration den Weg zu ebnen. Nach Liszt werden Alban Berg, Nikolai Medtner, Alexander Skrjabin und Sergej Prokofjew zahlreiche einsätzige Klaviersonaten komponieren, welche ihre kreative Keimzelle allesamt in Liszts großer h-Moll-Sonate finden.
90 Jahre nach der Uraufführung von Liszts h-Moll-Sonate vollendet Sergej Prokofjew das Jahrhundertwerk seiner 8. Klaviersonate op. 84 in B-Dur, noch im gleichen Jahr, am 30. Dezember 1944 uraufgeführt von Emil Gilels. Sie stellt die umfangreichste und vielschichtigste der insgesamt neun Klaviersonaten Prokofjews dar und komplettiert den Trias der drei Kriegssonaten, welchen sie gemeinsam mit op. 82 in A-Dur und op. 83 – ebenfalls in B-Dur – bildet. Diese drei Sonaten stellen nicht nur Prokofjews größten Wurf in der Gattung der Klaviersonate dar, sondern auch die dritte bedeutende Sonatentrias der Klaviergeschichte, neben Beethovens und Schuberts letzten drei Klaviersonaten op. 109, 110 und 111 beziehungsweise D 958, 959 und 960.
Prokofjews 8. Sonate ist, wie auch ihre beiden Vorgänger, zu Zeiten des zweiten Weltkrieges entstanden. Während in seiner 6. und 7. Sonate (auch „Stalingrad-Sonate“ genannt) das grausame Kriegstreiben, das Prokofjew in Russland atmosphärisch einfängt und vertont, noch omnipräsent ist, tritt der Schrecken in seiner 8. Sonate subtiler zum Vorschein. Diese Sonate, ein Jahr vor Kriegsende vollendet, stellt vielmehr einen Rückblick auf das Kriegsgeschehen dar: Die Schlacht von Stalingrad ist vorbei, doch der Schrecken steckt immer noch in den Gliedern.
Im Gegensatz zur lisztschen Sonate orientiert sich Prokofjews 8. formell stärker an Beethoven und weist eine klassisch tradierte Dreisätzigkeit auf: Ein über 15-minütiger Kopfsatz – der längste Sonatensatz Prokofjews – eröffnet das Werk düster und ausdrucksstark im Andante dolce, gefolgt von einem kurzen Andante sognando als langsamer Satz und süßlicher Ruhepol des Werkes, bevor das hochvirtuose Finale des dritten Satzes der Sonate im Vivace ein spektakuläres Ende bereitet, das in der Klavierliteratur seinesgleichen sucht.
Louis Mühlbauer